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Full text of "Alfred Rosenberg: Friedrich Nietzsche"

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FRIEDRICH NIETZSCHE 



VON 

ALFRED ROSENBERG 




Zentralverlag der NSDAP., Franz Eher Nacht., München 



Ansprache bei einer Gedenkstunde 
anläßlich des 100. Geburtstages 
Friedrich Nietzsches 



am 15. Oktober 1944 in Weimar 




W ir haben uns heute zusammengefunden, um eines großen Deut- 
schen zu gedenken, der einst aus innerem Protest zu seiner 

geistigen und politischen Umwelt zum Revolutionär wurde, das 

Schicksal eines Mißverstandenwerdens Jahrzehnte zu tragen hatte 

und erst in unserer Zeit seiner geschichtlichen Würdigung entgegen- 
reift. Es kann sich bei dieser unserer heutigen Aussprache nicht 

darum handeln, die Entwicklung aller Gedanken Friedrich Nietzsches 
eingehend aufzuzeigen, auch nicht das zu prüfen, was aus der man- 
nigfaltigen, reichen Wirksamkeit gleichsam als System seines Den- 

kens sich herausgebildet hat, sondern des Menschen selbst zu 
gedenken. Dies dürfen wir auch bei einem Gesamtüberblick über 

sein Werk heute mit um so mehr Verständnis tun, als es sich bei 

dem Werk Nietzsches nicht so sehr um den Auf- und Ausbau eines 
philosophischen Gebäudes, sondern im wesentlichen immer wieder 
um das Problem der Schicksalshaltung handelt. Diese Haltung 

zum Schicksal seiner ihn umgebenden Zeit ist es gewesen, die 
Nietzsche zwang, seinen Weg von der „Geburt der Tragödie“ über 

die „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ zu „Jenseits von Gut und Böse“ 
und zu seinem immer härteren Ansturm gegen die gesamte Welt 

des 19. Jahrhunderts zu nehmen. Sein persönliches Erleben ist des- 

halb mit seinem Werke enger verknüpft als bei manchem anderen 
Denker und Gestalter, ja ohne dieses Erleben ist sein Werk wohl 

kaum wirklich zu deuten. Die wesentliche Frage seines Lebens, die 

er einmal aussprach: „Ist heute - Größe möglich?“, bestimmte 
sein ganzes Denken und Handeln. Wohl kaum ist einem Denker 
jemals eine solche Fragestellung zum Schicksal seiner selbst ge- 
worden; denn er, der nach Größe, Adel und Vornehmheit der Hal- 

tung und Gesinnung forschte und nach den Bedingungen einer diese 
berücksichtigenden Rangordnung des Daseins, sah um sich gerade 
den Verfall solcher Möglichkeiten und das immer klarer werdende 

Heraufkommen alles dessen, was er als Gegensatz zu Größe und 
Vornehmheit empfand und gewertet hatte. Diese seine Frage an 



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das Leben und ihre Verneinung durch die Umgebung seiner Zeit, 
das ist der menschlich-gedankliche Konflikt Friedrich Nietzsches 
und ist zugleich das Geheimnis seiner rücksichtslos zerteilenden 
Analyse und seiner aus der erbarmungslosen Erkenntnis der Lage 
hervorwachsenden Prophetie der Auseinandersetzungen einer zu- 
künftigen Welt. Nietzsche war Prometheus seiner Zeit, dessen 
Fackel auch die dunkelsten Winkel gehütetster und doch so oft ver- 
motteter Traditionen durchleuchtete, allerdings auch eine gefähr- 
liche Fackel, die darüber hinaus auch manches noch mit Recht Be- 
hütete, als Brücke von Vergangenheit zur Zukunft Dienende in Brand 
zu stecken drohte. Nietzsche wurde hineingeboren in eine Zeit einer 
ungeheuren Bereicherung der Kenntnisse aus den Geschichtsepochen 
aller Völker. Das 19. Jahrhundert war nicht nur ein Jahrhundert 
der Technik, sondern auch ein Jahrhundert der Sammlung histori- 
scher Kenntnisse ältester Nationen und Kulturen, ein Jahrhundert, 
da alle Formen und Stile der Kunst wissenschaftlich geordnet vor 
dem betrachtenden Auge lagen, ein Zeitalter, das er selbst als eine 
Epoche der „Stil-Maskeraden“ bezeichnete. Neueste Industrie-Bau- 
werke verbanden sich mit dem historischen und kunstgeschicht- 
lichen Wissen zu einer verwirrenden geistigen Kostümierung. Der 

„europäische Misch-Mensch“ aber brauchte ein solches Kostüm, 
denn je ärmer er innerlich wurde, um so mehr glaubte er es nötig 

zu haben, sich mit den erborgten und erlernten Schätzen der Ver- 
gangenheit zu behängen, um diese seine immer größer werdende 
Leerheit zu verdecken oder zu verheimlichen. 

Die europäischen Nationen bildeten sich im 19. Jahrhundert in- 
mitten dieser Umwelt machtmäßig neu. Frankreich konnte erst in 
dieser Zeit die Stürme der Revolution des 18. Jahrhunderts in lebens- 
erträgliche Formen bringen, Italien fügte sich nach jahrhunderte- 

langer Zerrissenheit zu einem Staate zusammen und Deutschland 
erlebte eine neue Reichsgründung als scheinbare Erfüllung eines 
lange gehegten Traumes seiner Besten. Dieser nationalpolitische Auf- 
schwung verband sich aber mit Problemen eines neuen Industrie- 
Zeitalters, denen die liberale Weltanschauung nicht gewachsen war, 
um sie wirklich meistern zu können. Sie lehrte Freiheit der Wirt- 
schaft, Freiheit des Handels, sie lebte in einem geistig beschränkten 



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Optimismus dahin, als ob die Verkehrserleichterungen, der Aus- 
tausch der Lebensgüter mit anderen Kontinenten, die Steigerung der 
technischen Bequemlichkeiten usw. einen ewig dauernden, wenn auch 
durch manchen militärisch-politischen Konflikt gestört, so doch 
im Grunde nicht aufzuhaltenden Fortschritt von Kultur und Zivili- 
sation bedeuteten. Man wertete die Kunst als Entspannung oder 
Unterhaltung, man lebte oder versuchte die alten Stile nachzuleben, 
und nur wenige begriffen, daß dieses Zusammenscharren geschicht- 
lichen und kunstgeschichtlichen Wissens noch keine Schöpferkraft 
bedeutete. Die auftretenden sozialen Spannungen sah man zwar auch 
als störende Erscheinungen des „wirtschaftlichen Fortschritts“ an, 

verschloß sich aber die Augen vor der Tatsache, daß die Industrien 
Millionen und immer wieder neue Millionen hinabdrückten in eine 

Schicht, die sich selbst Proletariat nennen ließ. Man übersah, daß 
eine solche unterdrückte immer wachsende Schicht das Opfer von 
Lehren werden konnte, die sie gegen alles das emporhetzte, was 
einmal wirklich Völker, Staaten und Kulturen gegründet hatte. Am 
Horizont zeigten sich seherischen Blicken Auflösung, Zusammen- 
sturz, Kriege und Revolutionen. Dieser selbe Blick mußte dann in 
dieser geschäftigen, kurzsichtigen, dabei aber anmaßenden Umwelt 
um so mehr Einsamkeit empfinden, als Warnungen und eine hel- 
fende neue Formendarstellung nicht gehört oder kaum gehört, 

jedenfalls aber nicht verstanden wurden und schließlich gänz- 
lich ohne Echo blieben. Diese Entwicklung darstellen, heißt, 

Nietzsches Leben von innen her erzählen und sowohl sein Verhältnis 
zu Deutschland, zur Geschichte, zu Europa, zur Religion und zur 
sozialen Frage seiner Zeit verständlich machen. Er wußte sehr wohl, 
daß er nicht voll gehört werden konnte, er wußte auch, daß er nicht 
mehr dem 19. Jahrhundert angehörte, und er nannte sich und die 
wenigen, auf die er hoffte, die „Europäer von übermorgen“, die 

„Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts“. Aber diese Einsicht konnte 
doch die Wunden nicht heilen und vergessen machen, die immer 
wieder entstanden, wenn Nietzsches Analyse und Fernschau auf 
seine Gegenwart stießen und wenn seine Rufe ein Leben lang un- 
gehört blieben. So wie er hatten manche empfunden, die auf das 
heroische Deutschland von 1871 hofften und im Schatten dieses 



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erkämpften Reiches die Bleichröders, dann die Bailins und Genossen 
groß werden sahen. Es hatten sich manche zu Wort gemeldet, die 
wir heute ebenfalls als die Propheten unserer Zeit einreihen, einige 
waren Nietzsche nahe getreten, die anderen hatten unbekannt von 
ihm gewirkt: eine gemeinsam sich zusammenfügende geistige und 
politische Macht sind sie nicht geworden. Es war etwas, was in 
diesem Zeitalter der geschäftigen Handelspolitik fehlte, um große 
Völker zum Bewußtsein ihrer selbst zu führen, nämlich das allge- 
meine Leid. Auch darum wußte Nietzsche sehr genau, als er schrieb: 
„Die Zucht des Leidens, des großen Leidens - wißt ihr nicht, daß 
nur diese Zucht alle Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen 
hat?“ Nur ein solches gemeinsames Leid erhöht die Spannung der 
Seele, nur der Anblick eines großen und allgemeinen Schicksals 
stärkt Erfindergeist und Tapferkeit im Ringen. Nur ein solches Leid 
kann die Menschen, d.h. eine ganze Gemeinschaft, die ein Leid ge- 
meinsam empfindet, zu großen Leistungen aufrufen. Und diese Vor- 
aussetzung für die Umsetzung seiner Prophetie in ein sich besinnen- 
des Volk mußte Friedrich Nietzsche versagt bleiben. 

Es gibt in der Weltgeschichte Epochen, in denen Denker und 
Staatsmänner, vergeblich gegen ihre Zeit ringend, eine neue Zu- 
kunftsgestalt zeichnen und möglich machen, ohne je selbst an ihrer 
Erfüllung teilhaben zu können. Es gibt andere Denker und Staats- 
männer, deren Denken und Handeln sich umzusetzen vermag in 
eine große politisch-revolutionäre, weltanschauliche Bewegung, wo 
sie, gleichsam voranmarschierend, auch zugleich gestaltenbildend und 
politisch führend Weltanschauung und Staatspolitik vereinigend zu- 
sammenfügen. Nietzsche gehört zu den ersten und hat damit die 
Tragik eines solchen Schicksals bis zur Neige auszukosten gehabt, 
weil er sich nicht, trotzdem er es nur zu gern wollte, in Humor und 
Gelassenheit mit diesem Schicksal abfand, sondern je weniger man 
ihn hören wollte, um so heftiger sprach, und je geringer das Echo 
wurde, um so lauter nach einer antwortenden Stimme rief. Ein Wil- 
helm Raabe, der auch so manches an dem damaligen Deutschland 
und seiner ganzen Zeit ablehnen mußte, was gefährlich einer dunk- 
len Zukunft entgegenging, sagte doch bedächtig: „Der deutsche 

Genius zieht ein Drittel seiner Kraft aus dem Philisterium.“ Diese 



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lächelnde und weise Erkenntnis konnte einem Nietzsche nicht ge- 
nügen, der im wesentlichen nicht das behäbige, geruhsame, arbeit- 
same kleine Bürgertum vor sich sah, sondern dieses längst über- 
wuchert fand von einer kapitalistischen Bourgeoisie, und der dieses 
Großbürgertum zu immer exklusiveren Reichtum bedingenden Stel- 
lungen auf der einen Seite sich entwickeln sah und auf der anderen 
Seite die sich vermehrenden Entrechteten dieses ganzen Zeitalters. 
Die „Zuviel- wie die Nichts-Besitzenden“ schienen ihm „gemein- 
gefährliche Wesen“ zu werden. Und doch war das gerade die Um- 
welt, durch die Nietzsche hätte hindurchmüssen, um selbst bei dem 
Volke Gehör finden zu können. Das war die zweite Tragik seines 
Lebens, daß er, der an die besten Seiten des germanischen Wesens 
in Deutschland rühren wollte, an dieses Wesen nicht herankam, so 
daß schließlich jene Schicht des geistigen Führertums, die hier eine 
Brücke hätte schaffen können, geistig von Handel und Technik so 
benommen war, daß sie diese Verbindung nicht abzugeben gewillt 
war. So verringerte sich der Kreis Nietzsches immer mehr, und nur 
wenige sind es schließlich gewesen, die seine Einsamkeit, wenn auch 
nicht teilen, so doch wenigstens verstehen konnten. Und diese letzte 
Einsamkeit war schließlich mit entscheidend, um manches an der 
Form der Angriff Nietzsches gegen seine Zeit, auch die Über- 
spitzung dieser Form, zu verstehen. Diese Einsamkeit und Seher- 
kraft zugleich ist es aber, die, über alles Zeit- und Traditions- 
bedingte hinweg, Nietzsche heute mitten hinein in das große Ge- 
schehen dieses von ihm vorhergesagten 20. Jahrhunderts stellt, mit- 
ten in die riesige Auseinandersetzung, die das deutsche Volk heute 
durchzukämpfen hat, mitten hinein aber auch in jenen Prozeß, in 
dem alles das, was Nietzsche im innersten als unvornehm und nie- 
derträchtig bekämpfte, sich gegen ein Deutschland zusammen- 
geschlossen hat, das in der Überwindung aller dieser niederziehen- 
den Kräften und Erscheinungen des 19. Jahrhunderts sich anschickte, 
das 20. Jahrhundert mit einer neuen Idee, mit einer neuen Lebens- 
haltung, mit einer wirklich großräumigen deutschen und europä- 
ischen Anschauung der Welt zu beschenken. 

In diesem großen Zusammenhang bewegt uns am heutigen Tage, 
angesichts der Auseinandersetzung zweier Welten, Nietzsches Stel- 



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lung im deutschen Denken und im europäischen Dasein ganz 
besonders. Ich weiß, wie sehr umkämpft gerade diese beiden Pro- 
bleme seines Lebens sind und daß es nicht schwer fällt, scheinbar 
sich durchaus widersprechende, ja einander ausschließende Zitate 
für sie zu bringen. Worte allein aber, einander gegenübergestellt, 
herbeigeholt aus gänzlich verschiedenen Stimmungen und Epochen 
heraus, sind doch nur, für sich gesehen, flüchtige Symbole, wenn 

nicht der Mensch und seine Gesamthaltung im Wesen er- 
kannt worden sind. Das, was dann als Kampf und Ablehnung ge- 
deutet werden kann, ist oft eben nicht Bekämpfung eines eigentlichen 
Kerns, etwa des Deutschtums, sondern eine bittere Auseinander- 
setzung mit dem zeitgegebenen Erscheinungsbild, und manches, was 
als Haß erscheint, ist doch im wesentlichen nur verwundete und 
enttäuschte Liebe gewesen. Erst wenn wir das verstanden haben, 
werden wir auch Nietzsches Leben - und nicht nur Nietzsches, 
sondern das Leben so mancher Kämpfer in Deutschland - richtig 

zu erfassen vermögen. Ich möchte nur an jene schönen Worte er- 
innern, die gleichsam den Auftakt des ganzen inneren Aufbruchs 
Friedrich Nietzsches darstellen, als er erklärte, er halte soviel von 
dem reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens, daß er 
gerade von ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter frem- 
der Elemente zu erwarten wage und es für möglich erachte, daß 
der deutsche Geist sich auf sich selbst zurückbesinne. „Aber nie 
möge er glauben“, fügte damals Nietzsche, fast alles schon vorweg- 

nehmend, hinzu, „ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne 
seine mythische Heimat, ohne ein , Wiederbringen 1 aller deutschen 
Dinge kämpfen zu können!“ „Glaube niemand, daß der deutsche 
Geist seine mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so 
deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat 
erzählen. Eines Tages wird er sich wach finden, in aller Morgen- 
frische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen töten, die 
tückischen Zwerge vernichten und Brünhilde erwecken - und Wo- 
tans Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!“ Hier 

sprach sich eine Hoffnung aus, die buchstäblich auf alles ging, die 
eine Säuberung von allen überwuchernden Fremdpflanzen und ihren 
Säften nicht nur forderte, sondern gläubig erwartete, eine wahr- 



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hafte innere Wiedergeburt, die auf die letzten Wurzeln zurück- 
führte und von ihnen die Kraftzufuhr für eine große Zukunft er- 
sehnte. Von einer anderen Seite her tönt die soldatische Haltung 
in Nietzsches Denken, auf die er immer wieder besonders Gewicht 
gelegt hat. 1870 teilt er in einem Briefe mit, er habe sofort den 
Antrag gestellt, Urlaub zu erhalten und um als Soldat seine Pflicht 
zu tun. Im Jahre 1871 schreibt er von unserem Heer, das er frisch 
und kräftig, in alter germanischer Gesundheit gefunden habe: 

„Darauf läßt sich bauen: wir dürfen wieder hoffen! Unsere 
deutsche Mission ist noch nicht vorbei! Ich bin mutiger als 
je: denn noch nicht alles ist unter französisch-jüdischer Ver- 
flachung und .Eleganz 1 und unter dem gierigen Treiben der 
,Jetzt-Zeit' zugrunde gegangen. Es gibt doch noch Tapferkeit, 
und zwar deutsche Tapferkeit, die etwas innerlich anderes ist 
als der elan unserer bedauernswerten Nachbarn.“ 

Und weiter schreibt er an den gleichen Freund: 

„Nur noch als Kämpfer haben wir gerade in unserer Zeit 
ein Recht zu existieren, als Vorkämpfer für ein kommendes 
saeculum, dessen Formation wir an uns, an unsern besten Stun- 
den nämlich, etwa ahnen können: da diese besten Stunden uns 
doch offenbar dem Geiste unserer Zeit entfremden, aber doch 
irgendwo eine Heimat haben müssen; weshalb ich glaube, wir 
haben in diesen Stunden so eine dumpfe Witterung des Kom- 
menden.“ 

In diesen und anderen Stellen kommt jener innere Wille zur Neu- 
formung des deutschen Denkens und Schicksals zum Ausdruck, der 
sich aussprechen will und von den besten Seelen seiner Zeit Antwort 
erwartet, zugleich aber auch bereits jene bange Voraussicht, daß 
seine „Jetzt-Zeit“ eine solche Erneuerung gar nicht will, sondern 
sich in der Oberflächlichkeit des industrialisierten großstädtischen 
Lebens gefällt, ja erschöpft. Noch einmal verweist Nietzsche auf den 
Vater eines Freundes, dessen wundervollen deutschen Geist, dessen 
preußischen Ernst er verehre, und von dem nun einmal alles zu 
erhoffen sei, „während ich“, so fährt er fort, „gegen die obenauf 
schwimmende .deutsche Kultur' jetzt im höchsten Grade bedenk- 
lich bin“. 



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Als Nietzsche nun mit seinen Werken hervortritt und freimütig 
einen Zentralkampf gegen alles Zurückstehende, Heuchlerische und 
Muffige beginnt, da merkt er, daß nur wenige um ihn sind, die ihn 
hören, und daß sich eine Anhängerschaft inmitten des oberfläch- 
lichen Strudels seiner Zeit nicht einfinden will. Im Jahre 1874 stellt 
er dann fest, daß er im Grunde melancholisch dastehe, und fügt 
hinzu: 

„Ich suche weiter nichts als etwas Freiheit, etwas wirkliche 
Luft des Lebens und wehre mich, empöre mich gegen das viele, 
unsäglich viele Unfreie, das mir anhaftet.“ 

Sein „großer Frontalangriff auf alle Arten des jetzigen 
deutschen Obskurantismus“ trägt ihm ausgesprochene Ablehnung 
ein, und als er kein Echo findet, da stellt er wieder melancholisch 
fest: 

„Was die Deutschen von heute angeht, geht mich nichts an, 
- was natürlich kein Grund ist, ihnen gram zu sein.“ 

Danach steigern sich seine Enttäuschung und seine Angriffe immer 
weiter, und aus dem Jahre 1888 kommt dann ein letztes Echo: 

„Ich deute in aller Bescheidenheit an, daß der , Geist“, der so- 
genannte .deutsche Geist“, spazierengegangen und irgendwo in 
der Sommerfrische wohnt - jedenfalls nicht im .Reich“ - 
eher schon in Sils Maria ..." 

Nach dem Wesen dieses deutschen Geistes und seiner Stellung in 
der Geschichte zu forschen und damit die Prüfung auch des europä- 
ischen Geistes, der sich in ähnlichen Bahnen wie das deutsche Denken 
bewegte, vorzunehmen, das ist der analytische Untersuchungsgang, 
den Nietzsche nunmehr für sein Leben einschlägt. Diese Durch- 
dringung und Wertung der deutsch-europäischen geistigen Entwick- 
lung wird von ihm aber nicht im Stile einer teilnahmslosen Gelehr- 
samkeit geführt, vielmehr erklärt er von vornherein, daß er eine 
Abscheu habe vor jeder „Begabung ohne Sehnsucht“ und daß, wo 
wir eine solche vorfinden würden: im Kreise der Gelehrten oder 
auch bei den sogenannten Gebildeten, sie bei uns nur „Widerwillen 
und Ekel“ hervorrufen müsse. Er befürwortet im Gegenteil eine 
innerste Anteilnahme an jeder Untersuchung alles Mensch- 
lichen und hält es im Unterschied zu vielen Doktrinären seiner Zeit 



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für notwendig, daß der „Schopenhauersche Mensch“, d.h. der wirk- 
lich tief forschende Mensch, in seinem Kern voll starken verzehren- 
den Feuers sei und weit entfernt von der „kalten und verächtlichen 
Neutralität des sogenannten wissenschaftlichen Menschen“. Diese 
Wendung ist bei Nietzsche jene feurige Kraft, die ihn sein Leben 
lang bewegte; eine solche Flamme, wie er von sich sagt, ist er 
sicherlich in seinem ganzen Dasein gewesen. Er wußte bei dieser 
Untersuchung, daß die Gewässer der Religion zurückgeflutet seien 

und Sümpfe und Weiher hinterlassen hätten; die Nationen trennten 
sich auf das feindseligste und begehrten sich zu zerfleischen und die 
Wissenschaften, ohne jedes Maß und im blindesten Gewährenlassen 
betrieben, zersplitterten sich und lösten alles Festgeglaubte auf; 
die gebildeten Stände und Staaten aber würden von einer „groß- 
artig verächtlichen Geldwirtschaft“ fortgerissen. Niemals wäre die 

Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte gewesen wie zu seiner 
Zeit, die gelehrten Stände seien nicht mehr Leuchttürme oder Asyle 

und würden täglich unruhiger, gedanken- und liebeloser. Alles diene 
der „kommenden Barbarei“, die jetzige Kunst und Wissenschaft 
mit einbegriffen. Der Gebildete sei zum größten Feinde der Bildung 
abgeartet, denn er wolle die allgemeine Krankheit weglügen, und 
somit müsse er jeglichem Arzt hinderlich werden. Die Wahrheit 
aber, von der gerade in der Zeit dieser liberalen liebelosen Gesell- 
schaft so viel gepredigt würde, sie sei für so viele ein recht anspruchs- 
loses Wesen geworden, von dem keine Unordnung und Außerord- 
nung seitens der herrschenden Gewalten mehr zu fürchten sei. Diese 
„Wahrheit“ des liberalen Zeitalters ist nach Nietzsche ein bequemes 
und gemütliches Geschöpf, welches allen bestehenden Gewalten wie- 
der und wieder versichern würde, niemand solle ihrethalben irgend- 
welche Umstände haben. Gegen unbequeme Erscheinungen aber 

hätte sich eine neue Inquisitionszensur, das unverbrüchliche Schwei- 
gen gebreitet. Und deshalb sei es klar, daß eine gewisse Verdüste- 
rung und Dumpfheit auf den besten Persönlichkeiten der Zeit laste, 
ein ewiger Verdruß über den Kampf zwischen Verstellung und Ehr- 
lichkeit, der in ihrem Busen gekämpft wird, eine Unruhe im Ver- 
trauen auf sich selbst, und das sei mit ein Grund, wodurch sie ganz 
unfähig würden, Wegweiser zugleich und Zuchtmeister für andere 



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zu sein. Die Wissenschaft, einmal so hoch in ihrem Ansturm gegen 
andere Zeitalter emporgestiegen, entthrone sich vielfach, der Geist 
eines - wurzellosen - Journalismus dränge auf die Universitäten 
und nenne sich manchmal Philosophie. Es komme ein glatter, ge- 
schickter Vortrag aufs Katheder, Faust und Nathan den Weisen auf 
den Lippen, „die Sprache und die Ansichten unserer ekelhaften 
Literaturzeitungen“, er dagegen sei der Überzeugung: wenn man 

von Denkern und Philosophen spreche, so sei es nötig, daß ein Phi- 
losoph eine „unbeugsame und rauhe Männlichkeit“ habe. Diese sei 
aber in seinem Zeitalter dahingesunken, und wirkliche Menschen 
finde man selten. Diese ganze immer mehr zum Niedergang hin- 
führende Strömung sei die Bedingung dafür gewesen, daß ein Höl- 
derlin und ein Kleist an dieser Unzulänglichkeit wie an ihrer eigenen 
Ungewöhnlichkeit verdarben, das Klima dieser sogenannten deut- 
schen Bildung nicht ausgehalten hätten, und nur „Naturen von Erz, 
wie Beethoven, Goethe, Schopenhauer und Wagner, vermögen stand- 
zuhalten“. Gerade solche Einsamen aber bedürften der Liebe, brauch- 
ten Genossen, vor denen sie wie vor sich selbst offen und einfach 
sein dürften, in deren Gegenwart der Krampf des Verschweigens und 
der Verstellung aufhöre. Nehme man diese Genossen hinweg, so 
erzeuge man eine wachsende Gefahr für die Entwicklung des deut- 
schen Geistes. Es sei das schrecklichste Gegenmittel gegen unge- 
wöhnliche Menschen, sie dergestalt tief in sich hineinzutreiben, daß 
ihr Wiederherauskommen jedesmal ein vulkanischer Ausbruch würde. 
Und Nietzsche fügt das erschütternde Wort hinzu: 

„Doch gibt es immer wieder einen Halbgott, der es erträgt, 
unter so schrecklichen Bedingungen zu leben, siegreich zu leben; 
und wenn ihr seine einsamen Gesänge hören wollt, so hört Beet- 
hovens Musik.“ 

„Wie soll“, so sagt Nietzsche an einer anderen Stelle, „der 
große produktive Geist es unter einem Volke noch aushalten, 
das seiner einheitlichen Innerlichkeit nicht mehr sicher ist und 
das in Gebildete mit verbildeter und verführter Innerlichkeit 
und in Ungebildete mit unzulänglicher Innerlichkeit auseinan- 
derfällt. Wie soll er es aushalten, wenn die Einheit der Volks- 
empfindung verlorenging, wenn er überdies gerade bei dem 



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einen Teile, der sich den gebildeten Teil des Volkes nennt und 
ein Recht auf die nationalen Kunstgeister für sich in Anspruch 
nimmt, die Empfindung gefälscht und gefärbt weiß.“ 

„Vielleicht vergräbt er seinen Schatz jetzt lieber, weil er Ekel 
empfindet, von einer Sekte anspruchsvoll patronisiert zu wer- 
den, während sein Herz voll von Mitleid mit allen ist.“ 

Einem solchen Manne komme der Instinkt des Volkes heute nicht 
mehr entgegen, es sei unnötig, ihm die Arme sehnsuchtsvoll ent- 
gegenzubreiten. Es bliebe ihm jetzt nur noch übrig, seinen begeister- 
ten Haß gegen jenen hemmenden Bann, gegen die in der sogenann- 
ten Bildung seines Volkes aufgerichteten Schranken zu kehren, um 
als Richter wenigstens das zu verurteilen, was für ihn, den Lebenden 
und Lebenzeugenden, Vernichtung und Entwürdigung sei: 

„ ... so tauscht er die tiefe Einsicht seines Schicksals gegen die 
göttliche Lust des Schaffenden und Helfenden ein und endet als 
einsamer Wissender, als übersatter Weiser.“ 

Was Nietzsche bei allen diesen Erkenntnissen und Angriffen vor- 
schwebt, empfindet er bei sich als „heilige Nötigung“. Er sagt sich: 
„Hier muß geholfen werden, jene höhere Einheit in der Natur 
und Seele eines Volkes muß sich wiederherstellen, jener Riß 
zwischen dem Innen und Außen muß unter den Hammerschlä- 
gen der Not wieder verschwinden.“ 

Und über das Ziel, zu dem diese Versöhnung hinführen müßte, das 
verlorene Ganze wieder zu bilden, sagt Nietzsche: 

„So soll hier ausdrücklich mein Zeugnis stehen, daß es die 
deutsche Einheit in jenem höchsten Sinne ist, die wir er- 
streben und heißer erstreben als die politische Wiedervereini- 
gung, die E i n h e i t des deutschen Geistes und Lebens 
nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form und In- 
halt, von Innerlichkeit und Konvention.“ 

Diese ganze Haltung zum deutschen Geist, die sich immer ver- 
schärft, begründet Nietzsche durch seine Beobachtung des den nie- 
derdrückenden Wertsystemen unfähig gegenüberstehenden liberalen 
Zeitalters, welches nun einmal das in einem heroischen Kriege be- 
gründete Reich zu überwuchern begann. Er weist auf die heran- 



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wachsende Riesengefahr und vor allen Dingen auf die biologisch- 
politische Bedrohung im Osten hin und meint: 

„Es dürften nicht nur indische Kriege und Verwicklungen in 
Asien dazu nötig sein, damit Europa von seiner größten Gefahr 

entlastet werde, sondern innere Umstürze, die Zersprengung 
des Reichs in kleine Körper und vor allem die Einführung des 

parlamentarischen Blödsinns 

Er sagt, diese Entwicklung wünsche er nicht, aber man müsse ihr 
ins Auge sehen und die Entschlußkraft aufbringen, gleichsam Europa 
bedrohlich zu machen, nämlich diesem Europa einen Willen zu 
schicken, um diesem Erdteil eine für Jahrtausende berechnete Pla- 
nung zu geben; denn die langgesponnene Komödie seiner Klein- 
staaterei und ebenso seine dynastische wie demokratische Vielwol- 
lerei müßten zu einem Abschluß kommen: 

„Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon das nächste Jahr- 
hundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, den Zwang 
zur großen Politik.“ 

Er hofft auch angesichts dieser Gesamtwertung noch einmal auf ein 
strenges deutsches Herz, auf die deutsche Form der Skepsis, auf 
einen „ins Geistige gesteigerten Friderizianismus“, und er spricht 
es mehr als einmal aus, daß heute, wo in Europa das Herdentier 
allein zu Ehren komme und Ehren verteile, ein gänzlich anderer 
Menschentyp zur Herrschaft gelangen müsse, um dieses Schicksal 
zu wenden. Es setzt somit eine tiefgehende Kritik des ganzen so- 
zialen Gefüges ein, eine Kritik der marxistischen, damals schon 

fälschlich sozialistisch genannten Bewegung, wie sie folgerichtiger 
und vernichtender auch heute nicht denkbar ist. Für ihn ist der 
Marxismus die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und 
Dümmsten, d.h. der Oberflächlichen, Neidischen und Dreivierteis- 
Schauspieler, er sei in der Tat die Schlußfolgerung der „modernen 
Ideen“ und ihres latenten Anarchismus. Nietzsche wendet sich vor 
allen Dingen gegen den Versuch, den Begriff des Eigentums aufzu- 
heben, weil das Aufheben dieses Eigentumsbegriffs einen zerstöre- 
rischen Existenzkampf züchten müsse; denn der Mensch sei gegen 
alles, was er nur vorübergehend besitze, ohne Vorsorge und Auf- 
opferung, er verfahre damit ausbeuterisch, als Räuber oder als lie- 



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derlicher Verschwender. Und mitten in dieser Kritik erhebt sich 
schon der Hinweis auf einen Ausweg: 

„Man halte alle Arbeitswege zum kleinen Ver- 
mögen offen, aber verhindere die mühelose, die plötzliche 
Bereicherung; man ziehe alle Zweige des Transports und Han- 
dels, welche der Anhäufung großer Vermögen günstig sind, 
also namentlich den Geldhandel aus den Händen der 
Privaten und Privatgesellschaften - und betrachte ebenso 
die Zuviel- wie die Nichts-Besitzer als gemeingefähr- 
liche Wesen.“ 

Und konsequenterweise fügt er hinzu: 

Die Ausbeutung des Arbeiters war, wie man jetzt 
begreift, eine Dummheit, ein Raubbau auf Kosten 
der Zukunft, eine Gefährdung der menschlichen 
Gesellschaft.“ 

Gegen die marxistische Idee des Klassenkampfes führt er das Ver- 
hältnis zwischen Soldaten und Führer an, das immer noch anstän- 
diger und besser sei als das damalige Verhältnis von Arbeitgeber 
und Arbeitnehmer. Über dieses Zeitalter schreibt er: 

„Man will leben und muß sich verkaufen, aber man verach- 
tet den, der diese Not ausnützt und sich den Arbeiter kauft.“ 

Von dem nationalen Bürgertum hält Nietzsche schon damals nichts 
und nennt die beiden gegnerischen Parteien - die sozialistische und 
die nationale - oder wie immer ihre Namen in den verschiedenen 
Ländern Europas lauten mögen: „einander würdig“, d.h. beide un- 
würdig. 

Es ist begreiflich, daß derartige Gedanken, anfangs in begrün- 
deter, später in aphoristisch angreifender Form niedergelegt, in die 
Selbstgefälligkeit der liberalen Welt hineinplatzend, nicht gehört, 
mit Lächeln abgetan und von den Menschen seiner Zeit nicht zur 
Kenntnis genommen wurden, auch da, wo er die ganze Heuchelei 
des marxistischen Programms eines Paradieses, einer staatenlosen 
und klassenkampflosen idealen Gesellschaft mit den prophetischen 
Worten aufzeigt: 

„Der Marxismus braucht die alleruntertänigste 



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Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten 
Staat, wie niemals etwas gleiches existiert hat.“ 
Diese Vorahnung der marxistischen Diktatur, die wir als Todfeind 

aus Moskau gegen uns anmarschieren sehen, ist damit eindeutig ge- 
weissagt. Sie hat sich mit jener Kraft verbunden, die Nietzsche als 

eine besonders gefährliche hingestellt hat, ohne daß wir behaupten 
wollen, daß er nun in allem einzelnen die ganze Struktur und Psy- 
chologie dieses Ostens hat überblicken können. Nietzsche weiß aber, 
daß wahrscheinlich, trotz aller Erkenntnis, die nun einmal ein- 

geschlagene Entwicklung nicht in kurzer Zeit rückgängig gemacht 
werden kann, und deshalb sagt er voraus, daß aus diesem Gemisch 
von Liberalismus, Plutokratie und Anarchie die große Krise Deutsch- 
lands und des ganzen europäischen Kontinents hervorgehen müsse. 
Er ist der tiefen Überzeugung, daß dieser durch die gesamte liberale 
Bewegung eingeleitete Mischmasch - wobei er einen nimmermüden 
Haß gegen Rousseau als den geistigen Urheber dieser Strömungen 
kundtut - Europa einmal zu den furchtbarsten allumfassenden Aus- 
einandersetzungen, vielleicht aber dann auch zu harten tyrannischen 

Erscheinungen führen müsse. Er meint: 

„Die Demokratisierung Europas ist zugleich eine unfreiwillige 
Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen - das Wort in je- 
dem Sinne verstanden, auch im geistigsten.“ 

Diese klare Erkenntnis der extremsten Entwicklungsmöglichkeiten 
scheidet Nietzsche als Denker und aktiven, soldatisch ausgerichteten 
Philosophen immer deutlicher von allen Bewegungen seiner Zeit. 
Die Feststellung der künstlerischen Verwirrung der Stile und diese 
klare Erkenntnis der haltungslosen, allen möglichen sich widerspre- 
chenden Traditionen unkritisch zugewandte Gegenwart vereinigen 
sich dann in ihm zu einer Kritik seines ganzen Zeitalters, wie sie 
schärfer und ätzender nicht denkbar ist. Man darf, wie bei jeder 
großen Erscheinung, seitens ihrer Jüngerschaft nicht vor die Alter- 
native gestellt werden: alles oder nichts anerkennen zu müssen. Viel- 
mehr wird auch Nietzsche, der nach jahrzehntelangem Mißverstehen 
und Mißverkennen heute in die Epoche seiner allgemein nationalen 
Anerkennung tritt, das gleiche Schicksal wie alle andern Großen zu 
tragen haben: was zeitbedingt ist, was nur aus seinem persönlichen 



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Schicksal gedeutet werden kann, aber gerade dadurch nicht als un- 
bedingt zu werten ist, wird vergessen werden können, um so deut- 
licher aber wird der eigentliche Kern und die unerbittlich richtige 
Stoßrichtung seines Denkens inmitten einer oberflächlichen Welt ihre 
tiefe Anerkennung und Ehrfurcht finden. Und damit ist auch das 
Wesen der ganzen menschlichen Tragödie Friedrich Nietzsches ver- 
ständlich geworden. An eine Freundin schreibt er einmal: 

„Wissen Sie, noch niemals hat eine weibliche Stimme auf mich 
tief gewirkt, obschon ich Berühmtheiten aller Art gehört habe. 
Aber ich glaube daran, daß es eine Stimme für mich auf der 

Welt gibt: ich suche nach ihr. Wo ist sie nur?“ 

Diese Stimme des Verstehenwollens und der Freundschaft hat er 
gesucht. Er hat auch eine Anzahl Freunde gewonnen, aber nach und 
nach, bei immer schärferer Erkenntnis eines herannahenden geistigen 
und politischen Schicksals, treten auch seine früheren Weggenossen 
zurück. Die Gefährten seiner Gelehrtenjahre versinken in der bür- 
gerlichen Welt. Richard Wagner scheint ihm ebenfalls nicht den Weg 
nach vorn gehen zu wollen, und in diesem schmerzhaften und doch 

bis zum Schluß noch von einer fernen Verehrung getragenen Ab- 
schied tritt wohl die größte innere Krisis im Leben Nietzsches zu- 
tage, als er erklärt, daß Wagner als Künstler, zu dem er nun geistig 

glaubt in Gegensatz treten zu müssen, ihm auch noch jene Menschen 
in Deutschland entfremde, auf die es sich lohne zu wirken. Gerade 
in bezug darauf schreibt er einmal: 

„Meine Schriften sollen so dunkel und unverständlich sein! Ich 

dachte, wenn man von der Not redet, daß solche, die in der Not 
sind, einen verstehen werden. Das ist auch gewiß wahr: aber 
wo sind die, welche ,in der Not 1 sind?“ 

Und später ruft er, angesichts der Erkenntnis, ohne Echo zu bleiben, 

aus: 

„Tausendmal lieber Einsamkeit! Und wenn es sein muß, allein 
zugrunde gehn!“ 

Das ist am Ende die Haltung der Welt gegenüber, das Abschied- 
nehmen von allen Hoffnungen seiner Jugend, das volle Bewußtsein, 

einsam zu sein und, solange er selbst lebte, niemals gehört zu wer- 



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den. Aus dieser Einsamkeit spricht er dann von den düsteren Stun- 
den, wo er nicht wüßte, wie er leben solle, wo ihn eine schwarze 
Verzweiflung ergriff, wie er es bisher nicht erlebt habe. Trotzdem 
weiß er, daß er weder rückwärts, noch rechts oder links werde ent- 
schlüpfen können und er keine Wahl mehr habe. Diese Logik sei 
es, die ihn angesichts des ganzen Schicksals noch aufrecht erhalte. 
Es sei richtig, daß seine letzte Schrift die Tortur dieses Zustandes 
verriete, und er fügt einige Sätze hinzu, deren wir uns heute als 
menschliches Vermächtnis eines großen Einsamen erinnern wollen: 

„Man soll jetzt nicht von mir .schöne Sachen“ erwarten: so 
wenig man einem leidenden und verhungernden Tiere zumuten 
soll, daß es mit A n m u t seine Beute zerreißt. Der jahrelange 
Mangel einer wirklich erquickenden und heilenden mensch- 
lichen Liebe, die absurde Vereinsamung, die es mit sich 
bringt, daß fast jeder Rest von Zusammenhang mit Menschen 
nur eine Ursache für Verwundungen wird: das alles ist vom 
Schlimmsten und hat nur ein Recht für sich, das Recht, not- 
wendig zu sein.“ 

Mit diesem letzten Wort ist jener Halt ausgesprochen worden, der 
Nietzsche immer noch durch alle Nöte und Kämpfe seines Lebens 
hindurch getragen hat. Er war sich bewußt, daß das, was er aus- 
sprach, ein Wort für kommende Zeiten sei - „denn irgendeine 
Generation müsse den Kampf beginnen, in welchem eine spätere 
siegen soll“ -, daß also jemand da sein mußte, der inmitten 
dieser demokratisierten, geistig verwahrlosten Welt beim Ausgang 
des 19. Jahrhunderts die Fahne einer neuen Hoffnung und eines 
neuen Glaubens trotz allem aufzupflanzen vermochte. Viele der 
Besten haben unter der Gründerzeit und der vermaterialisierten 

Epoche gelitten. Das Wort von der „Reichsverdrossenheit“, das 
damals aufkam, war nicht nur eine Oberflächen-Erscheinung wirt- 

schaftlicher und sozialer Entwicklungen, sondern zugleich eine in- 
nere Enttäuschung jener Hoffnungen, die mit der Ausrufung des 
Deutschen Reiches in Versailles alle durchzogen hatten. Ich brauche 
an dieser Stelle die Namen jener nicht zu nennen, die sich verbittert 
und in Schmerz über das Aufkommen des Minderwertigen in Börse 

und Marxismus, des Spießbürgerlichen in Politik und Gesellschaft 



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zurückgezogen. Niemand aber hat jene Vibrationen eines unterirdi- 
schen, alles bedrohenden Grollens so tief empfunden wie Friedrich 
Nietzsche. Mag auch auf manchen Gebieten der eine oder andere 
jener Propheten unserer Zeit uns besonders nahestehen, als Gesamt- 
persönlichkeit und als unbeirrbarer Erkenner einer ganzen Epoche, 
die sich anschickte unterzugehen, ist Friedrich Nietzsche wohl die 
größte Erscheinung der deutschen und europäischen 
Geisteswelt seiner Tage gewesen! Denn eines muß man bei 
allen seinen späteren Bekenntnissen und Kritiken bedenken: wenn 
er bei seinen Äußerungen nur Wunden erlitt und deshalb gegen die 
unmittelbaren Verursacher dieser Wunden in Kampfstellung trat, 
so wäre genau das gleiche geschehen, wenn er lange Zeit in Frank- 
reich oder England oder einem anderen Staate gelebt hätte. Denn 
überall waren die gleichen Erscheinungen des Niedergangs am 
Werke, alte gewachsene Traditionen zu zersetzen, ohne damit neue 
Bindungen zu schaffen und neue Ideale aufzurichten. Die ganze Welt 
huldigte niederen Werten. Die Umwertung dieser Werte eines ver- 
gehenden liberalen Menschentums zu einem Ideal der vornehmen, 
harten Persönlichkeit, Größe möglich zu machen, das ist im we- 
sentlichen die Lehre Nietzsches gewesen, die durch alle seine Werke 
hindurchgeht. Wenn man in letzter Zeit besonders seinen „Willen 
zur Macht“ betont hat, so ist mit vollem Recht auch dieser Kern 

herausgeschält worden als jenes charakterliche Widerstandszentrum, 
aus dem sich sowohl die begründeten Abhandlungen wie die ekstati- 
schen Proklamationen des „Zarathustra“ und die harten Angriffe seiner 
letzten Schriften erklären lassen. Wir müssen aber an dieser Stelle 
Protest einlegen gegen jene Versuche auch unserer heutigen Feinde, 
diese Anschauung vom Dasein gleichsam als ein Bekenntnis zu dau- 
ernden militärischen Überfällen etwa auf die so gesittete demokra- 
tische Gesellschaft des Westens, gleichsam als eine Inkarnation des 

ewig friedenstörenden „preußischen Militarismus“ deuten zu wollen. 
Was sich vielmehr hier ausspricht, ist ein Gesetz des Lebens. Jede 

große Leistung in der Welt will zur Bedeutung kommen, jeder große 
Staatsgedanke will sich durchsetzen, jede wissenschaftliche Ent- 
deckung strebt nach allgemeiner Anerkennung, jede große künst- 
lerische Tat sucht ihr Publikum und jeder Denker erwartet ein gei- 



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stiges Echo und erhofft sich eine Gefolgschaft. Durch alle Erschei- 
nungen des Lebens geht eben der Wille, das, was an Schöpferkraft 
nach außen dringt, auch in dieser Außenwelt zur Geltung zu bringen. 
Der Wettstreit auf allen Gebieten ist von jeher die entscheidende 

Tatsache des Lebens gewesen, und es bedurfte der ganzen Heuchelei 
eines demokratischen Zeitalters, das gesamte Machtstreben auf 
Umwegen, wie es die Piraten der Börse und Hochfinanz anstreb- 
ten, als eine segensreiche Friedenstätigkeit der Welt einreden zu 

wollen. Es hat in Wahrheit noch keine Machtinstitutionen gegeben, 
die sich derart als Hyänen des Lebens auswirkten wie die herzlosen 

Kapitalisten der internationalen Börse, noch niemals eine derartige 
Chloroformierung ganzer Völker, wie es durch die alljüdische Presse 
geschehen ist, und noch niemals wurde heimtückischer ein Macht- 
überfall auf die große Kultur eines Kontinents vorbereitet wie nach 
diesen Einwirkungen durch die marxistische Diktaturbewegung. Das, 
was Nietzsche prophezeite, der europäische Anarchismus, war auf 
dem Wege: der November 1918 für Deutschland, das Versinken im 

blutigen Nebel eines bestialischen Bürgerkrieges bei vielen Völkern. 
Das Diktat von Versailles war ein infernalischer Versuch, ein ganzes 
großes Volk in Zustände zu zwängen, aus denen es nur Verzweif- 
lung, Anarchie und Aufspaltung seines Daseins erwarten konnte. 
Durch alle übrigen Länder zogen ähnliche Gefahren. Zum Erstaunen 
aller aber erwachte jener deutsche Geist, von dem Nietzsche zu Be- 
ginn seines Wirkens ahnungsvoll und voll tiefer Hoffnung gespro- 
chen hatte: aus dem Dunkel des Verrats trat kämpferisch eine neue 
vornehme Idee vom Leben und eine die Gesetze dieses Lebens ehr- 
fürchtig anerkennende Weltanschauung an das Tageslicht der Zeit. 
Dieser Lebenswille begnügt sich nicht mit Anschauen und Erkennen, 
sondern war verbunden mit einem instinktgebundenen Willen aus 
den Wurzeln des deutschen Wesens heraus und bildete sich gegen 
alle Gewalten zu einer politischen Macht. Als diese, schon heute in 
welthistorischem Format, in Erscheinung trat, haben sich alle jene 
gegen sie verschworen, die ein Beispiel von Vornehmheit 
als Angriff gegen ihre eigene unvornehme Existenz 
begriffen, die verstanden, daß mit dem Auftreten eines lebens- 
echten aristokratischen und doch eine Volksgemeinschaft bildenden 



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Ideals eine Gefahr für die Großprofite der Geldkönige und ihre 
Handlanger verbunden war: die zweite Kriegserklärung gegen ein 
neues Europa stürzte dieses in einen zweiten Weltkrieg. Die Gewal- 
ten, die jetzt miteinander ringen, sind also nicht neu aufgetreten; 
sie sind vorgebildet durch die liberalen Bewegungen des 19. Jahr- 
hunderts, durch die Übertechnisierung eines neuen Zeitalters, durch 
die schrankenlose Herrschaft des Geldes und Goldes, durch die Mo- 
nopolisierung des ganzen Nachrichtenwesens in Europa durch rassen- 
fremde Hände. Die in der Einschläferung ihrer Widerstandskräfte 
müde gewordenen europäischen Kulturbürger überflutet nunmehr 
eine lange zurückgestaute zerstörerische Leidenschaft aus dem Osten, 
die, in einer merkwürdigen Verbindung mit jüdisch-westlerischem 
Marxismus, nicht nur Deutschland, sondern den ganzen euro- 
päischen Kontinent in seinen Grundfesten erschüttert hat. Wenn wir 

dabei stolz erklären, daß das nationalsozialistische Deutschland die- 
ses alte Europa noch heute allein verteidigt, wenn wir vielleicht in 
einem etwas anderen Sinne wie Nietzsche im 19. Jahrhundert, aber 
noch aus größerer Tiefe heraus sagen können, daß wir heute die 

„guten Europäer“ sind, so ist das ein historisch ehrlich erstrittenes 
Recht. Zugleich aber wollen wir mit aller Bescheidenheit, um nicht 
in eine von Nietzsche mit Recht so gegeißelte Tartüfferie zu ver- 
fallen, auch erklären, daß viele Erscheinungen des alten Zeitalters 
bei uns noch spürbar sind, daß manche Spießbürger noch jene muf- 
fige Atmosphäre verbreiten, an der Nietzsche so gelitten hat, daß 
manches kleinräumige schematische Denken noch nicht jene Freiheit 
erreichte, von der Nietzsche träumte und von der wir selbst träu- 
men, daß manche der Gefahr unterlegen sind, anstatt Faust zu sein 
als Philister herumzulaufen. Aber trotz dieser Erkenntnis fühlen wir 
doch in unserem Erleben den großen Zug einer neuen Zeit und wis- 
sen, daß das, was uns getragen hat und der deutschen Nation heute 
den inneren Willen zum unbeugsamen Widerstand gibt, begründet 
ist auch in jener tiefen Erschütterung des einsamen Nietzsche, die 

ihn durch ein schmerzensreiches Leben getragen hat, was in der Ein- 
samkeit oft zu Verzweiflung und Anklagen führte, aber immer zu- 

gleich vorwärtsgetrieben wurde von der unbedingten Notwendig- 
keit einer solchen Aussprache mit der Zukunft. 



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In einem wahrhaft geschichtlichen Sinne steht die nationalsoziali- 
stische Bewegung als ganzes heute vor der übrigen Welt wie 
Nietzsche als einzelner einst vor den Gewalten seiner Zeit. An einem 
ungeheueren Experiment der Natur und des Lebens wiederholt sich 

der Kampf zweier Prinzipien. Die Wirksamkeit der ganzen Welt 
verächtlicher Geldleute und ihrer Söldlinge, die durch Haß auf- 

gepeitschte Leidenschaft von Millionen neidbehafteter Bolschewiken, 
die wutgeladene Zersetzungsarbeit der jüdischen Unterwelt, dies al- 
les schien kurz vor dem scheinbar erreichten Ziele von einer gewal- 

tigen Reinigungswelle aus dem Herzen Europas hinweggeschwemmt 
zu werden. Nun stürmen die Menschen- und Materialfluten dieser 
Mächte gegen dieses erwachende Herz unseres Erdteils, gegen eine 
Lehre und Schicksalshaltung, die jede Losung des Geisteskampfes und 
der Politik auf ihre wahrhaften Werte prüft, d.h. eine Freiheit nur 

dann für wirklich wert findet, sie zu verteidigen, wenn sie von einem 
Ehrgefühl getragen wird, die eine Liberalität nur so weit zu begrüßen 
vermag, als sie sich mit vornehmer Haltung, d.h. mit Ablehnung 
der schwächlichen Züchtung des Minderwertigen und Gemein- 
schaftsfremden verbindet, schließlich eine soziale Gerechtigkeit be- 
grüßt, die alle Teile einer Volksgemeinschaft und im größeren Sinne 

einer gesamteuropäischen Völkergemeinschaft umschließt, die über 

die Anerkennung und Durchsetzung berechtigter Bedürfnisse eines 
einzelnen Volkes hinweg diesen Ruf auch für einen ganzen Kontinent 
erhebt, um die Ursachen für die Aufpeitschung der Millionen gegen 
das Deutsche Reich und Europa zum Verschwinden zu bringen. Aber 
wenn damals vor vielen, vielen Jahrzehnten wenige Einsame die 
kommende Anarchie und ihre Kriege nur prophetisch erschauen 

konnten und schließlich an der Unmöglichkeit, gehört zu werden, 
zerbrachen, so steht heute das nationalsozialistische Großdeutsche 
Reich als ein Willensblock von 90 Millionen inmitten dieses unge- 
heuren Ringens, auch im vollen Bewußtsein, hier der Notwendig- 
keit eines großen Lebens, der Notwendigkeit eines europäischen 
Schicksals zu dienen. Wenn heute die sogenannten humanitären De- 
mokratien den Bolschewismus in ihrer Mitte als zu ihnen gehörig 
begrüßen, ja ihm zubilligen, sich auch demokratisch nennen zu dür- 
fen, dann ist der Stempel des Niederträchtigen von ihnen sich selbst 



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auf die niedere Stirn gedrückt worden. Wer diese Zerstörungswut 
gegen alle feineren Güter der Vergangenheit und gegen einen neu 
aufbrechenden, gestaltenden Willen als sich verwandt bezeichnet, 
hat in seiner Führung aufgehört, Europäer zu sein. 

So sehen wir Nationalsozialisten heute das Wirken jener Mächte, 
die, aus der Vergangenheit herüberkommend, im 19. Jahrhundert 
eine gefährliche Kraft der Zersetzung zu werden begannen und 

heute in einem großen, eitrig aufbrechenden Prozeß zur fürchter- 
lichsten Erkrankung des europäischen Wesens führen, und wir sehen 
zugleich inmitten diese unheilvollen Stroms einige Propheten for- 
dernd ihre Stimme erheben, diese schöpfungsfeindlichen Werte zu 
zerbrechen, um eine neue Rangordnung des Lebens verwirklichen 
zu helfen. Unter ihnen ehren wir heute den einsamen Friedrich 
Nietzsche. Nach Abstreifung alles Zeitbedingten und auch allzu 
Menschlichen steht diese Gestalt heute geistig neben uns, und wir 
grüßen ihn über die Zeiten hinweg als einen Nahe-Verwandten, als 
einen geistigen Bruder im Kampfe um die Wiedergeburt einer gro- 

ßen deutschen Geistigkeit, um die Gestaltung eines großzügigen und 
großräumigen Denkens und als Verkünder einer europäischen Ein- 
heit, als Notwendigkeit für das schöpferische Leben unseres alten, 

sich heute in einer großen Revolution verjüngenden Kontinents. 



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